Boulevard of broken dreams

Gruppenausstellung in Reinbeckhallen
Boulevard of broken dreams
Künstler: Ute Heim, Martin Sigmund, Ivo Stilling, Susu Gorth, Kerstin Serz, Cornelia Kohler

Datum/Date:
28/04/17 18:00 (Eröffnung)
29/04/17 12:00 – 20:00
30/04/17 12:00 – 20:00
04/05/17 14:00 – 20:00
05/05/17 12:00 – 20:00 (Essen Installation und Getränke ab 19:00)
06/05/17 12:00 – 20:00

Adresse: : “Reinbeckhallen” Reinbeckstrasse 9. 12459 Berlin
Kontakt: info@miss-sophies-panet.com

Mehr Info:

„Boulevard of broken dreams“

I walk along the street of sorrow
The boulevard of broken dreams

The joy that you find here you borrow
You cannot keep it long it seems
But gigolo and gigolette
Still sing a song and dance along
The boulevard of broken dreams.

Tony Bennett

„Was liegt begraben unter dem Asphalt, ist hinter Häuserwänden tief verborgen, bricht hervor mit seinen Blüten und sucht Raum für die verweigerte Existenz.“

Die sechs Künstler aus Berlin, München, Karlsruhe und Stuttgart reflektieren die verschiedenen Facetten des Scherbenhaufens zerbrochener Träume und zeigen Stimmungsbilder verschiedener Aspekte menschlichen Scheiterns.

Der Titel der Ausstellung „Boulevard of Broken Dreams“ bezieht sich auf den Ort Schöneweide und betrachtet mit den ausgestellten Werken vergangene und gegenwärtige Geschichte und den mit einhergehenden menschlichen Schicksalen. Oberschöneweide war eines der größten zusammenhängenden Industrieareale Europas, ein Mikrokosmos der jüngeren deutschen Zeitgeschichte: Der Pioniergeist am Anfang des 20. Jahrhunderts, Rüstungsproduktion und massenhafter Einsatz von Zwangsarbeitern zur Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem Krieg Enteignung und Demontage. Während der Wende schloss ein Betrieb nach dem anderen und die Arbeiter lebten zwischen Hoffnung und Resignation. Als es 2006 gelingt, die Hochschule für Wirtschaft und Technik anzusiedeln, bekommt das Areal einen neuen Impuls. Der Ausstellungsort korrespondiert als Metapher zwischen zerronnenen politischen Visionen und den Fragmenten einer intimen existenziellen Verletzung.

Die kindlichen Träume finden sich konkret in den Arbeiten von Susu Gorth „Teddys“ und Cornelia Kohler „Home is where I live inside“ wieder. Gorth greift das Thema der Verweigerung auf, indem die Objekte auf anarchische Weise sich ihrer vorgegebenen Form entziehen wohin gegen die Archetypen wie Puppenhaus und Haare auf alptraumhafte Weise von Cornelia Kohler neu besetzt werden. Auch die Arbeiten von Kerstin Serz schwanken zwischen einer romantisch kindlichen Realität und einer tiefgründigen, diffusen Ebene. Die Kindheit als mythischer und utopischer Ort dient in der Kunst als Feld der Vergewisserung der eigenen sozialen und kulturellen Existenz und zeigt sich in den Arbeiten eher von einer Instabilität besonderer Intensität. Der Maler Ivo Stilling demontiert den Traum von Geschwindigkeit. Das Statussymbol Automobil löst sich auf der Leinwand von perfektem Design zu Fragmenten seiner Funktion auf. Der Traum von Europa steckt in den politischen Kinderschuhen und droht aus Angst vor Verlust der kulturellen Identität zu scheitern, hier dokumentiert die Serie „Borders“ von Martin Sigmund die fragilen und sich ständig ändernden politischen Konstrukte unserer Zeit. Ute Heim verbindet in ihrer Video Arbeit autobiografische und politische Erinnerung mit einer Reise zurück an einen Ort der Kindheit.

Die Künstler:

Ute Heim
„Take me back to my boots and saddle“
Video

Reisen ist der Versuch die Vergangenheit zu verstehen. Diese Reise ist Bewegung im Grenzland, vorwärts und rückwärts gleichzeitig. Ute Heim fährt immer weiter an den Ort ihrer Kindheitserinnerungen zurück. Sie nähert sich damit jedoch nicht nur den Momenten ihrer eigenen Biographie an, sondern auch deutsch-deutscher Zeitgeschichte. Vehikel für Ute Heims Reise sind das Prinzip der Improvisation, die Ästhetik des Western und Franz Schuberts „Winterreise“.

Martin Sigmund
„Border“
Photographie

Mit dem Schengener Abkommen von 1995 fielen in Europa die Grenzen und mit ihnen die ideologischen Manifestationen. In einem Langzeitprojekt fotografiert Martin Sigmund seit 2005 mit der Großformat Kamera funktionslos gewordene europäische Grenzstationen, die seit 2015 Schlagbaum für Schlagbaum wieder reaktiviert werden, als wären sie nie weg gewesen. Waren sie das denn eigentlich je wirklich?

Ivo Stilling
„Crash“
Malerei

Die formal und inhaltlich recht delikaten Bilder zeigen Luxuslimousinen nach einem schweren Unfall, das Statussymbol Auto wird zu einer gemalten Skulptur.Das Hindernis, mit dem besagte Limousine kollidiert ist, hat diese so stark verformt, dass eine Art Blitz-Metamorphose stattgefunden hat. Diese Feinmalerei ahmt nie übertrieben das oft kitschig wirkende Fotorealistische nach, sie behält sich eine Ruppigkeit, die sich nicht vom schönen Schein verführen lässt, sondern ihre Autonomie aggressiv verteidigt.

Susu Gorth
„Teddys“
Bildhauerei

Durch die Verarbeitung von Gebrauchsmaterialien, deren Geschichte immer spürbar bleibt, entstehen Skulpturen mit komplexen Oberflächenstrukturen, die anarchisch ihre vorgegebene Form verweigern. Aufgebaut wie ein Koordinatensystem, in dem durch die Arbeitsweise Fehler im System entstehen und für mich Möglichkeit und Anknüpfungspunkt sind die Ordnung zu durchbrechen. Wie in einem expansiven Zwang überwindet weiche, teils biomorphe Masse seine Grenzen und Vorgaben. Es entstehen Arbeiten, die in der Verbindung der Gegensätze hier nun ein Ganzes werden, artifiziell und profan zugleich, grob und filigran, anziehend und abstoßend, ein Spiel von Makro- und Mikrokosmos.

Kerstin Serz
„Die Hirschkäferbraut”, „Evandre”, „Bubo Bubo”
Malerei

Verstörend wirkt die Gleichberechtigung von Natur, Tier und Mensch, surreal die Kompositionen. Die Bilder leiten den Blick auf merkwürdige Situationen, ungeklärte Beziehungen und romantische, intime Momente, deren aufkommende Lieblichkeit die Künstlerin jedoch bricht. Der Anschein dieser figurativen Malerei trügt, dass der Betrachter hier bequem einer Narration folgen könne. Im Gegenteil, es gibt keinen Widerhall des Geschehens, jede gefällte Aussage endet in einem Fragezeichen oder bleibt allein zurück in einem „Land ohne Echo“. In der Betrachtung konfrontieren uns Ambivalenzen von Verletzbarkeit und Kraft, Macht und Ohnmacht, Angst und Vertrauen.

Cornelia Kohler
„Home is where I live inside“, „Selling my dreams“
Bildhauerei

Haare mäandern zu Zöpfen gebändigt durch mit einer dicken Staub-Patina belegtes Kinderspielzeug. Haare sind Ausdruck von Individualität, das Abschneiden oder Binden von Haaren sind ein Beleg von kultureller Zähmung. Die oberflächliche Betrachtung der Arbeiten der Künstlerin wähnt uns meist in vertrautem Revier, Bilder aus Märchen, Erzählungen und Erinnerungen an die Kindheit drängen sich plakativ und völlig banal auf. Doch der Blick hinter die Kulissen löst diese Vertrautheit durch die Neubesetzung oder Zerstörung der verwendeten Symbole auf und erschaffen eine neue komplexe verstörende Realität.